Dienstag, 21. Januar 2014

Dolomiten Höhenweg Nr. 2 / Alta Via delle Dolomiti (Italien, 2013 + '15 + '17)



Nachdem mir der Dolomiten-Höhenweg Nr. 1 so gut gefallen hat, durfte es gerne noch ein Bisschen mehr sein. Was liegt da näher als den Nr. 2 zu gehen...!? (Allerdings sind die weiteren Nummern weder nach Schwierigkeitsgrad noch nach anderen Kriterien geordnet).

So fahre ich also eines schönen Abends mit einer der letzten Seilbahnfahrten von St. Andrae aus zur Bergstation in der Nähe des Plosegipfels. Gewöhnlich benutze ich aus Prinzip keine Seilbahnen auf  Bergtouren, hier jedoch beginnt der Dolomiten Höhenweg Nr. 2 tatsächlich erst oben.




Der Wegweiser mit dem schwarzen Dreieck zeigt bei schönstem Septemberwetter vielversprechend in Richtung der Berge. In den letzten Abendstunden wandere ich gegen den Strom der zurückkehrenden Tagestouristen hinaus in die schroffe Felslandschaft.




Während ein Teil der ersten Tagesetappe noch durch relativ ebenes Gelände führt, zeigt das Schild schon eher auf die Art von Gelände wie es in den nächsten Tagen zu erwarten sein wird. Der Weg führt hinauf über den Schuttkegel durch die schön zu sehende Lücke des Kreuzjochs (2294 m) südlich des Medalgesgipfels.




Der für Nachmittag und Nacht vorhergesagte Regen zieht schnell heran. Solange keine Gewitter im Spiel sind und das Gelände nicht zu steil oder rutschig wird hält mich das nicht auf.




Mit dem Queren der Straße durchs Grödnerjoch lässt man eine der meist frequentierten Dolomitenpässe hinter sich. Kurz danach führt der leicht versicherte Steig  (Nr. 666) durchs Val Setus zur Pisciadu Hütte hinauf. Als alternative Route bietet sich bei entsprechender Erfahrung (und Sicherungsset) der bekannte Pisciadu - Klettersteig direkt zur Hütte an.




Klettersteig und Höhenweg treffen an der traumhaft gelegene Pisciaduhütte wieder zusammen. Entlang des kleinen Bergsees oberhalb der Hütte geht es steil über Geröll und Felsstufen der kargen Hochfläche des Karrenplateaus entgegen. Auf ca. 2950 m eröffnet sich überraschend der Blick auf Piz Boe und Sass Pordoi.




Nach Querung des kargen Karrenplateaus vom Zwischenkofel ein klassischer Dolomiten- Ausblick nach N-O. Links Dent di Mesdi.



Boehütte unter dem Piz Boe (rechts außerhalb des Bildes)




Eine kühle und ruhige Nacht auf der mit nadelspitzem Schutt übersähten Hochfläche beginnt. Nur das dumpfe Brummen eines Dieselgenerators in der Ferne stört für einige Zeit den alpinen Frieden.




Der Abstieg durch das Geröll der steilen Pordoirinne kann bei Altschneeresten heikel werden. Das Drahseil am rechten Schluchtrand kann dann die Rettung sein. Kurz nach dem Queren des Pordoipasses beginnt einer der schönsten und entspanntesten Abschnitte des bisherigen Höhenweges. Die als Bindelweg / Vial del Pan bekannte Verbindung zum Lago Fedaja führt ohne große Höhenmeter an den Bergflanken im Norden der Marmolada entlang, mit traumhafter Aussicht auf die gleissenden Gletscher gegenüber.




Erst kurz vor Erreichen des kurzen, steilen Abstieges zum Fedaja-See verschlechtert sich das Wetter deutlich. An ein Weitergehen ist erst wieder am nächsten Tag zu denken, vor allem wenn man die Beschreibung des folgenden Weges liesst: "langer, hochalpiner Übergang. Eine der anspruchvollsten Teilstrecken dieser Alta Via".




Die mit Abstand anspruchvollste Etappe des gesamten Höhenweges, die Durchquerung des Marmolada - Massivs über den engen Einschnitt der Furchetta Marmolada, steht dann bei wechselhaftem Wetter an.



Während über mir die Leute in den kleinen Körben der Stehgondelbahn zum Refugio Pian de Fiacconi mühelos emporschweben, stehe ich schwitzend beim Col del Bous, von wo sich ein erster Blick auf den weiteren Weg über die Marmolada eröffnet.



Direkt unterhalb des Übergangs auf die Südseite des Berges zieht sich die Ab- bzw. Aufstiegsspur über den kleinen, spaltenfreien Vernel-Gletscher. Wegen des relativ warmen Wetters (ca. 10 °C)  ist die Firnauflage zum Glück recht weich und gerade so ohne Steigeisen und Eispickel zu überwinden. Aber auch wenn keine direkte Absturzgefahr besteht - besser mit Steigeisen...




Am Übergang vom Gletscher zum Fels beginnt direkt der versicherte Klettersteig über rutschige Platten hinüber zur Marmolada Scharte / Furchetta Marmolada, wo der Klettersteig über den Westgrat hoch zum Gipfel Punta di Penia abzweigt.




Der Abstieg auf dem Fernwanderweg in die Südseite beginnt mit einem kurzen Quergang im Klettersteig (die rostigen Metalltritte des alten Steiges führen durch den kleinen Kamin direkt nach unten). Auf dem steilen Schuttfeld in der Südflanke bieten sich grossartige Ausblicke ins Val Contrin und die südlich gelegenen Gipfel.




Der winzige Pass auf  ca. 2900 m ist schon ein praktischer Zufall der Natur. Ohne die Lücke wäre es quasi eine zusätzliche Tagestour ganz aussen herum um den Berg.




Ein wunderschöner Zeltplatz an der Marmolada-Südseite. Wer etwas mehr Komfort bevorzugt, kann sich nicht weite weg im Refugio Contrin ausruhen, bevor es zum nächsten Pass weitergeht.



Nur wenige Meter wandert man eben im Contrin Tal entlang, schon windet sich der Pfad wieder empor zum Passo d. Cirelle und auf der anderen Seite über steile Schutthänge hinab ins Tal in Richtung Passo Pellegrino.




Sehr romantische Almenlandschaft in der Gegend ums Refugio Fuchiade. Wie froh bin ich über die grünen Wiesen und das klare Quellwasser nach den schroffen Felslandschaften vorher.




Der recht stark frequentierten Pass ist mit Lift- und Seilbahnanlagen verbaut.




Hat natürlich auch Vorteile.
Mit einer Fahrt in der Gondel hinauf zum Col Margherita liessen sich leicht um die 500 Hm Aufstieg ersparen, ist aber wohl nur im Winter in Betrieb.




 Zu Fuß zwar ein ganz schön anstrengender Abstecher vom eigentlichen Höhenweg Nr. 2, aber durchaus die Aussicht wert - und nebenbei ein geschützter Biwakplatz in der Bergstation ;o)



Am eher wenig befahrenen Passo Valles findet die Tour vorerst ein Ende. Der Blick auf die südlich liegende Pala-Gruppe lässt die Vorfreude auf eine Fortsetzung gewaltig steigen.



 Im September 2015 geht die Tour auf der Alta Via 2 mit der spektakulären Palagruppe weiter. Einige versicherte, recht ausgesetzte Stellen verlangen gleich Konzentration, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. In der Nähe des Refugio Mulaz schlage ich unter steilen Wänden mein Lager auf. Allerdings mit genügend Abstand, denn die Stille der klaren, kühlen  Nacht wird häufig vom Prasseln kleiner Steinschläge gestört.




Die ersten Meter morgens gehen gleich steil zur Forcella Margherita und weiter zum Passo delle Farangole rauf. Wach sollte man da schon sein...




...vor allem wenn etwas Schneeauflage und leichte Kletterstellen dabei sind!




 Ebenso steil auf der anderen Seite runter, bevor es wieder ein paar etwas "ebenere" Passagen gibt.



Die Aussicht auf die umliegenden Berge und Täler ist wieder umwerfend.




An den steilen Hängen des Valle delle Comelle entlang führt der schmale Pfad in Richtung Refugio Rosetta.




Schönere Pausenplätze kann ich mir kaum vorstellen. Mein Vesper muss ich allerdings gut festhalten, sonst würde es auf Nimmerwiedersehen im Abgrund verschwinden.




Eine der Schlüsselstellen des gesamten Höhenweges (II Grad) findet sich laut Wegbeschreibung zwischen Refugio Pradidali und Passo delle Lede. Die ca. 70 m hohe Wand lässt sich aber durch neue Absicherungen leichter als erwartet erklettern. Einige bereits passierte Passagen an den steilen Tälern entlang empfinde ich als deutlich ausgesetzer und heikler.




Gerade noch rechtzeitig bei Beginn von stümischem Regen am Nachmittag taucht auf einem Felsabsatz im Valle delle Lede das gemütliche Bivacco Minazio auf. Ich bin unglaublich froh, dass ich die folgende stürmische Nacht nicht im Zelt verbringen muss. Zum Glück bringt die Front auch warme Luft anstatt herbstlichem Wintereinbruch mit. Der weitere Abstieg wäre bei Neuschnee extrem heikel gewesen!




So sind am nächsten Morgen durch den Regen nur die Bäche etwas "wasserreicher", die Querungen etwas spannender geworden.




Nach sehr anstrengendem Aufstieg vom Valle dei Canali zur Forcella d'Oltro folgen tolle Passagen an den Grasflanken unter der Cima d'Oltro entlang, die mich sehr ans Allgäu erinnern.




Der nächste Pass, Passo Cereda (Busverbindung nach Fiera de Primiero), bietet die einzige Ausstiegsmöglichkeit vor dem südlichen Ende des Höhenweges am Passo Croce d'Aune bei Feltre.



Die folgenden Etappen in den Feltriner Dolomiten kann ich nur als spektakulär bezeichnen - falls man das nach Marmolada u. Co überhaupt noch sagen kann. 
Erstaunlich auch die Einsamkeit des Gebietes. In knapp 2 Tagen vom Passo Cereda bis zum Ende des Weges begegnen mir keine Menschen - Sonntags und Montags!



Ein steiles, rutschiges Schuttband (Banca intaiada) durch die senkrechte Felswand des Sasso delle Undici stellt eine "gehbare" Verbindung zur Forcella de Comedon her. Ob man das noch als Wanderweg bezeichnen soll, ist Ansichtsache. Auf jeden Fall mit die anstrengendsten und gefährlichsten ca. 2 Stunden des gesamten Höhenweges. Bei Schnee, Vereisung wäre dieser tückische Untergrund selbst mit Steigeisen gefährlich. Umgehung sicher eine Tagestour extra.



Nach der etwas nervenaufreibenden Überquerung fühlen sich die traumhaft unter dem Sass de Mura (2547 m) gelegenen Blechhütten des Bivacco Feltre / Walter Bodo wie eine Oase der Sicherheit an (zu sehen ist der Steig in der Mitte am oberen Bildrand von der Scharte "Punta di Comedon", schräg nach links unten in Serpentinen auslaufend).
Eine erholsame Nacht in der Sicherheit des Bivaccos schafft die Voraussetzung für einen langen nächsten Tag mit Ziel Ende des Höhenweges!. Denn laut Wetterbericht folgen einem einzigen Schönwettertag schwere Gewitter. Also beim ersten Licht los, jetzt oder nie!



Blick vom Col dei Bech nach SO.
Auch die nächsten Kilometer bis zum Refugio Bruno Boz sind an Spannung und Aussicht kaum zu überbieten.



Den krönenden Abschluss bildet dann die Durchquerung der letzten Bergkette Vette Feltrine (kein Wasser zwischen Ref. Boz und Malga Vette Grandi!). An alten Stufen, Befestigungen ist erkennbar, dass es sich wohl um einen alten Verbindungssteig aus dem Dolomitenkrieg 1914/15 handelt. Einfach pervers, dass man sich hier gegenseitig umbringen musste.




Auf mit losem Schutt bedeckten, abschüssigen Platten sind noch ein letztes Mal höchste Konzentration, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit gefragt...




... dann blickt man bald entspannt auf spaziergang-geeignete Wege, die vom Refugio Dal Piaz zum letzten Pass führen.



Von hier gibt es glücklicherweise ein Busverbindung nach Feltre. Endlich wieder ohne körperliche Anstrengung vorwärtskommen, aber die Erinnerungen an die Erlebnisse auf diesem fantastischen Höhenweg lassen alle Mühe und Gefahr vergessen!




Planungsinfos:

Anreise / Abreise: Brixen per Bahn erreichbar. Busverbindung nach St. Andrae, wo eine Seilbahn zum Startpunkt in der Nähe des Plosegipfels führt. Per Auto von Deutschland über Innsbruck u. Brennerpass.
Ein- bzw. Ausstiegsmöglichkeiten per Bus am Grödnerjoch, Passo Pordoi, Lago di Fedaja, Passo Pellegrino, Passo Cereda. Busverbindung von Feltre nach Bozen oder per Bahn via Trento.
Karten / Führer: z. B. Dolomiten Höhenwege 1-3, Franz Hauleitner, Rother Verlag (etwas veraltet). Mit praktischen Streifenkarten. Zielgruppe Hüttenwanderer, keine Angaben über Wasserstellen oder Einkaufsmöglichkeiten. Für die ca. 185 km lange Strecke von Brixen nach Feltre veranschlagt der Führer 12-15 Tage.
Varianten über verschiedene Gipfel oder Klettersteige zum Hauptweg sind leicht möglich (z.B. Via Ferrata Tridentina, V. F. Pisciadu, evtl. Klettersteigset!). Die Etappe über die Marmolada erfordert wegen der Gletscherquerung bei Vereisung oder festem Firn Steigeisen und Pickel.
Markierung: Blaues oder rotes Dreieck mit 2, auf neueren Schildern als AV2. Die durchgehende 2er Markierung fehlt  teilweise, daher sind zumindest Übersichtskarten oder Informationen über Abzweigungen nötig.
Übernachtung:  Zelt / Biwak. Unbedingt Leave No Trace! Deutlich weniger Zeltmöglichkeiten auf Grasboden als auf der Alta Via Nr. 1.  Berghütten des italienischen Alpenvereins (CAI), einige frei zugängliche Bivaccos.
Proviant / Wasser: Keine Einkaufsmöglichkeit auf der Route. Proviant- und Wasserplanung erforderlich d. h. evtl. eine Einkaufsfahrt in nahegelegene Stadt erforderlich.
Geld: Geldautomaten in Brixen, Visa- EC-Karte an den großen Pässen, sonst nur Bargeld.
Mobilfunk / Internet: Einige Funklöcher. Teils aber selbst oben Mobilfunkempfang z. B. am Bivacco W. Bodo.




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